{"id":230,"date":"2009-06-29T10:05:19","date_gmt":"2009-06-29T09:05:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/cms\/?p=230"},"modified":"2012-08-27T21:20:38","modified_gmt":"2012-08-27T20:20:38","slug":"kriterienkatalogen-fur-die-bewertung-von-lernsoftware-%e2%80%93-streitbar-und-von-eingeschranktem-nutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/?p=230","title":{"rendered":"Kritische Bemerkungen zum Einsatz von Kriterienkatalogen zur Bewertung von Lernsoftware"},"content":{"rendered":"<p>Kriterienkataloge f\u00fcr Lernsoftware sollen die Qualit\u00e4t eines Lernmittelproduktes sicherstellen. Dabei werden (oftmals rein hypothetische) Annahmen getroffen, welche Merkmale sich positiv auf das Lernen auswirken. Folgende Argumente sind bedenkenswert und sprechen meiner Meinung nach gegen die Fokussierung und (ausschlie\u00dfliche) Verwendung von Kriterienkatalogen zur Qualit\u00e4tsbeurteilung von Lernsoftware:<!--more--><\/p>\n<ul>\n<li>Die Gewichtung der Kriterien ist streitbar: Die Beurteiler\u00fcbereinstimmung bei der Quantifizierung der Qualit\u00e4tskritierien ist mangelhaft. Dies zeigt sich dadurch, dass zum einen viele Kriterienkataloge mit sehr unterschiedlichen Gewichtungen existieren. Zum anderen hat sich in Experimenten gezeigt, dass selbst Experten bei der Vorlage von Kriterien in vielen F\u00e4llen in ihrem Urteil \u00fcber die Wichtigkeit der Kriterien auseinander lagen (vgl. Fricke 2000). Dadurch wird die scheinbare Objektivit\u00e4t, die Kriterien herstellen sollen, wieder relativiert und ist vom verwendeten Kriterienkatalog bzw. urteilenden Experten abh\u00e4ngig.<\/li>\n<li>Kriterien sind oftmals willk\u00fcrlich ausgew\u00e4hlt und ihr praktischer Nutzen wird kaum reflektiert. Eigentlich m\u00fcsste zwischen jedem Kriterium und der Lernwirksamkeit der Produkte eine (signifikante) Korrelation nachgewiesen sein oder dieser Zusammenhang zumindest theoretisch erkl\u00e4rt werden, was oftmals aber nicht der Fall ist. Fricke (2000) gibt deshalb zu bedenken: &#8222;Wenn jedoch nicht bekannt ist, oder wenn\u00a0keine Hypothesen dar\u00fcber vorliegen, wie der Lehr-Lernproze\u00df beim Arbeiten mit\u00a0Lernsoftware funktioniert, f\u00fchrt die Suche nach Qualit\u00e4tskriterien leicht zu einer\u00a0unstrukturierten Anh\u00e4ufung von niedrig- und hochinferenten Merkmalen.&#8220;<\/li>\n<li>Damit zusammenh\u00e4ngend wird von vielen Fachdidaktikern die Vernachl\u00e4ssigung (fach-)didaktischen Kriterien beklagt.\u00a0Oftmals sind die aufgef\u00fchrten Kriterien nur f\u00fcr eine oberfl\u00e4chliche Beurteilung geeignet und es fehlt an didaktischer Tiefe (vgl. Krauthausen 2007).\u00a0Es muss dabei auch in Frage gestellt werden, ob statische Kriterienkataloge der dynamischen Verwendung unter unterschiedlichen Einsatzzusammenh\u00e4ngen und didaktischen Situationen gerecht werden k\u00f6nnen.\u00a0In diesem Zusammenhang ist auch\u00a0problematisch, dass oftmals Lernpakete als Gesamtes bewertet werden. In der Realit\u00e4t sind kaum alle \u00dcbungen eines Lernsoftware-Pakets durchg\u00e4ngig von der gleichen Qualit\u00e4t und lassen sich als Ganzes bewerten. Hier muss \u00fcberlegt werden, ob neben einer \u00fcbergreifenden Beurteilung (etwa der Bedienung oder des didaktischen Konzeptes der Lernsoftware) nicht auch st\u00e4rker einzelne \u00dcbungen und m\u00f6gliche Verwendungszusammenh\u00e4nge in den Blick genommen werden.<\/li>\n<li>Kriterienkataloge ber\u00fccksichtigen nicht den Einsatzzweck und Verwendungszusammenhang der Lernsoftware (vgl. Fricke 2000). Es ist unbestritten, dass die Qualit\u00e4t und Effektivit\u00e4t unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen sehr verschieden sein kann. Solche differentiellen Lerneffekte lassen sich auch empirisch nachweisen und zeigen sich in der Literatur zur Lernsoftwareforschung h\u00e4ufig durch (scheinbar) wiederspr\u00fcchliche Ergebnisse zur Lerneffektivit\u00e4t von computergest\u00fctztem Lernen. Diese Einfl\u00fcsse werden jedoch von Kriterienkatalogen ausgeblendet und ein kausaler Zusammenhang zwischen Kriterien und Produktqualit\u00e4t angenommen und damit von einem veralteten Medienwirksamkeitsansatz ausgegangen, der der Komplexit\u00e4t der Wirklichkeit nicht gerecht wird.<\/li>\n<li>Kriterienkataloge sind inhaltsanalytisch bzw. produktorientiert, d.h. sie sagen nichts dar\u00fcber aus, wie Sch\u00fcler damit lernen. Sie lenken den Blick auf Eigenschaften des Produktes und weniger auf die Lernprozesse des Kindes, die damit m\u00f6glich sind (vgl. Neu\u00df 2002).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Kriterienkatalog sind deshalb nicht das &#8222;Allheilmittel&#8220; zur Bewertung von Software, sondern liefern allenfalls \u2013 bei sorgf\u00e4ltiger Konstruktion auf der Basis von empirischer Lehr-\/Lernforschung, (fach-)didaktischer Standards und lerntheoretischen Reflektionen \u2013 einen ersten \u00dcberblick \u00fcber relevante Eigenschaften einer Lernsoftware und damit einen Baustein f\u00fcr die Auswahl und Bewertung von Lernmitteln. Eine echte Qualit\u00e4tsbeurteilung, ob und wie das Lernmittel dann im Unterricht eingesetzt werden kann, muss umfassender und nicht nur reduziert auf Medieneigenschaften erfolgen. Dabei m\u00fcssen neben (vor allem inhaltlich-didaktischer) Merkmalen der Lernsoftware auch die Rahmenbedingungen des Einsatzes und die Lernvoraussetzungen der Zielgruppe einbezogen werden, um zu einem ganzheitlichen Urteil \u00fcber die Eignung bestimmter Lernsoftwareprodukte f\u00fcr den jeweiligen Einsatzzweck zu kommen. Insbesondere ist es notwendig, diese Faktoren nicht isoliert, sondern die Nutzung, die Interaktion von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit der Lernsoftware, bei der Bewertung von Lernsoftware zu beachten (vgl. Urff 2009).<\/p>\n<p><em>Quellenangaben:<\/em><\/p>\n<p>Fricke, R. (2000): Qualit\u00e4tsbeurteilung durch Kriterienkataloge. Auf der Suche nach validen Vorhersagemodellen. In: P. Schenkel, S.-O. Tergan, &amp; A. Lottmann (Hrsg.): Qualit\u00e4tsbeurteilung multimedialer Lern- und Informationssysteme. Evaluationsmethoden auf dem Pr\u00fcfstand. N\u00fcrnberg: Bildung und Wissen. S. 1-14.<\/p>\n<p>Neu\u00df, N. (2002): Screenrecording. Evaluation der Rezeption von Neuen Medien. In: medien praktisch, 2, S. 21-25.<\/p>\n<p>Urff, C. (2009): Computergest\u00fctzte F\u00f6rderung grundlegender mathematischer Kompetenzen \u2013 Theoretische Analysen zu Mehrwertpotentialen digitaler Lernmedien und empirische Fallstudien zu Lernprozessen bei der Nutzung aktueller mathematischer Lernsoftware von Sch\u00fclern mit besonderem F\u00f6rderbedarf. Dissertation an der PH Ludwigsburg (Fakult\u00e4t f\u00fcr Sonderp\u00e4dagogik) in Vorbereitung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kriterienkataloge f\u00fcr Lernsoftware sollen die Qualit\u00e4t eines Lernmittelproduktes sicherstellen. Dabei werden (oftmals rein hypothetische) Annahmen getroffen, welche Merkmale sich positiv auf das Lernen auswirken. Folgende Argumente sind bedenkenswert und sprechen meiner Meinung nach gegen die Fokussierung und (ausschlie\u00dfliche) Verwendung von &hellip; <a href=\"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/?p=230\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[155,6,62],"tags":[67,79,73,75],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/230"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=230"}],"version-history":[{"count":39,"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/230\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1277,"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/230\/revisions\/1277"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=230"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=230"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lernsoftware-mathematik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=230"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}